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Archäologie im Raum Angermund

Steinzeitlicher Stichel

Die ältere ortsgeschichtliche Literatur vermutete, dass Franken ab Mitte des 1. Jahrtausend n. Chr. die ersten Siedler im Raum Angermund waren. Doch die in den 1990er Jahren von Thomas van Lohuizen auf Feldfluren am südlichen und westlichen Ortstrand von Angermund entdeckten steinzeitlichen Artefakte beweisen, dass sich schon gut 10.000 Jahre vorher Menschen zumindest zeitweilig im heutigen Ortsgebiet aufgehalten haben. Auf dem Areal des Lagerplatzes steinzeitlicher Jäger und Sammler aus dem Allerød-Interstadial (eine rund ein Jahrtausend dauende Warmzeit in der Spätphase der letzten Eiszeit) wurden bis heute rund 1.000 Feuersteinopjekte aufgesammelt. Dazu Thomas van Lohuizen: Die Funde stammen aus der Zeit vor 12.000 bis 10.800 Jahren. ...  Gefunden wurde eine große Zahl von Sticheln. Sie dienten der spanabhebenden Bearbeitung von Knochen, Geweih und Holz. Sie sind auf dem Fundgelände weit überdurchschnittlich zahlreich und oft erstaunlich klein überliefert, ein Phänomen, dass so bislang nirgendwo in Deutschland beobachtet worden ist. Der hier bestehende Mangel an geeigneten Feuerstein kann nicht die Ursache für diese kleinen Geräte gewesen sein, denn diese Werkzeuge mussten ja trotz der kleinen Formate und ihrer Zerbrechlichkeit in ihrer Funktion bestehen können. Auf dem Fundareal wurden offenbar Arbeiten vollzogen, die auf sonstigen Fundplätzen dieser Zeitsellung nur einen sehr viel kleineren Anteil der insgesamt ausgeführten Tätitgkeiten ausgemacht hatten. Insofern gilt dieser Fundplatz wissenschaftlich als außerordentlich und weit über die Region hinaus von großer Bedeutung. Das auch, weil er der bislang einzige Fundplatz ist, der in seiner besonderen Lage rechts des Rheinlaufs, zwischen den zeitgleichen Fundplätzen in Westfalen und dem Rheinland vermittelt. Die für dieses Jahr geplante und finanziell abgesicherte facharchäologische Grabung der Universität Köln konnte aufgrund der Weigerung des neuen Pächters der Feldflur leider nicht durchgeführt werden. So bleibt dieser bedeutendste archäologische Fundort der Steinzeit auf Düsseldorfer Stadtgebiet bislang ohne die außerordentlich wichtige begleitende Ausgrabung.(1)

Durch die Erwärmung kam es in Mitteleuropa zur ersten flächigen Wiederbewaldung am Ende der letzten Eiszeit. Birken- und Kiefernwälder mit Tierbeständen von Rothirsch, Elch, Auerochse, Reh,  Braunbär und Bieber breiteten sich auch im Rheinland aus. Aus den Jägern und Sammler der Lössteppe wurden Jäger und Sammler des Waldes, deren Hauptjagdwaffe nicht mehr die Speerschleuder, sondern Pfeil und Bogen war. Am Niederrhein konzentriert sich die Verbreitung von Fundplätzen der spätsteinzeitlichen Jäger (sogenannte Federmessergruppen) auf die linksrheinichen Auenlandschaften im Umfeld von Niers, Rur und Erft.  Das Fundareal bei Angermund gehört zu den wenigen östlich des Niederrheins gelegenen Fundstellen. Es liegt im Bereich eines schwach ausgeprägten, in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Höhenrückens auf der älteren Niederterrasse des Rheins. Im Relief der umgebenden Landschaft lassen sich noch zahlreiche Altmäander des eiszeitlichen Rheins erkennen. Da die Einzelfunde bis 2022 nicht systematisch eingemessen wurden, konnte deren räumliche Verteilung nicht analysiert werden. Auch deshalb wurde die Oberfläche des Fundareals im Spätsommer 2023 erneut von Fachleuten und Helfern systematisch abgesucht. Die Funde in einer ca. 300 m langen Zone und die in den beiden Jahrzehnten zuvor geborgenen Fragmente von Beilklingen, Messern, Pfeilspitzen und Sticheln aus Feuerstein verweisen auf mehrere kleine Lagerplätze, die späteiszeitliche Jäger und Sammler hier anlegten. Bei der neuerlichen Abkühlung des Klimas zogen diese Jäger und Sammler in mildere Regionen weiter.(2) 

Funde aus der späten Jungsteinzeit im Übergang zur frühen Bronzezeit (etwa 3.300 bis 2.000 v. Chr.) sowie der vorrömischen Eisenzeit (800 bis 15 v. Chr.) belegen, dass sich hier erneut Menschen aufhielten, sie lassen einen "siedlungsgeschichtlichen Aufschwung" erahnen, wie er zur gleichen Zeit auch in den benachbarten Ortsgebieten belegt ist.(3) Ein ungewöhnlicher Fund aus der Eisenzeit (etwa 500 bis 300 v. Chr.) ist das 1993 entdeckte Bruchstück eines Glasarmreifs: ein etwa 3 cm großer Ringkörper aus braunem Glas mit einer Auflage aus einer goldgelben opaken Masse. Das ohne Begleitfunde geborgene Glasstück ist gut erhalten; es weist keine Spuren einer Feuerbestattung auf, durch die eine genauere Datierung möglich wäre. Erst 25 m vom Fundort entfernt wurde eine Bodenscherbe gefunden, die der eisenzeitlichen Latène-Kultur (etwa 450 v. Chr. bis zur Zeit um Christi Geburt) zugeordnet werden kann. Schon 1990 war in direkter Nähe ein sehr anschaulicher Stößel aus grünem Felsgestein entdeckt worden. Zusammen deuten diese drei Fundstücke auf eine keltische Siedlung hin.(4)

Das im Ortsnamen Angermund  enthaltene Grundwort munt - Schirm, Schutz, Gewalt entstammt dem Althochdeutschen, der ältesten schriftlich überlieferten Sprachform des Deutschen, die etwa zwischen 750 und 1050 verwendet wurde.(5)  Der Ortsname hätte demnach die Bedeutung "Schutz an der Anger".  Topographisch betrachtet wäre die Besiedlung wegen des hohen Grundwasserstandes und der durch die Anger und den Rahmer Bach in Regenzeiten ausgelösten Überschwemmungen an einer erhöht liegenden Stelle zu erwarten. Vielleicht wie die aus der letzten Eiszeit stammende Bodenwelle mit einer Höhe von etwa 35 m über Normalnull, die sich über 800 m in Nord-Süd-Richtung auf der Linie der heutigen Rahmer Straße über die Graf-Engelbert-Straße bis zur Kellnerei ausstreckt. Diese nicht mit dem zuvor erwähnten Höhenrücken auf der älteren Niederterrasse des Rheins zu verwechselnde Bodenwelle ist im nördlichen Teil ca. 400 m breit, nach Süden nur noch etwa 200 m. Westlich wird die Bodenwelle von der Anger begrenzt, östlich verläuft eine breite Abflussrinne, in die sich der Rahmer Bach eingegraben hat. Beide Bäche waren ursprünglich miteinander verbunden und wurden erst durch die neuzeitliche Aufschüttung des Mühlendamms südlich der Kellnerei getrennt.(6) Die zungenförmige, halbinselartige Erhebung, die an drei Seiten von Wasser umgeben war, wäre zwar wegen des festen Baugrunds und des natürlichen Schutzes gegen feindliche Übergriffe für eine Siedlung gut geeignet gewesen. Doch für die früher vermutetete Besiedlung in fränkischer Zeit (5. bis 9. Jahrhundert) fehlen archäologische Funde oder sonstige Quellen.

Die erste schriftliche Überlieferung des Ortnamens finden wir erst in staufischer Zeit: in den Gütererwerbungen des Kölner Erzbischofs Philipp von Heinsberg (1130-1191). Diese sind in drei Fassungen überliefert, deren älteste heute im Landesarchiv NRW, Abteilungen Westfalen, in Münster bewahrt wird. Die münsterische Güterliste ist eine 20,5 cm breite und 69 cm lange Pergamentrolle, in der unter lfd. Nr. 23 das allodium de Angermonde - Freigut zu Angermund genannt wird. In der Paderborner Abschrift der Güterliste lautet die Bezeichnung unter Punkt 49 Castrum Angermunde et curiam adiacentem - Burg Angermund und angrenzendes Rathaus. Der Erzbischof hatte diesen Besitz für einen geringen Betrag von Kaiser Barbarossa erworben.

1189 bestätigte Engelbert II. Graf von Berg, dass er von Arnold von Tyvern dessen Erbgüter zum Pfand erhalten und den Edelherrn auf Schloss Burg als Hausgenossen aufgenommen habe. Zu den genannten Gütern gehörte darüber hinaus jedes Anwesen, das sich in der Nähe des Flusses befindet, der Anger genannt wird. Der entsprechende Satz lautet im lateinischen Original: insuper omne predium, qoud est propre fluvium quid vocatur Anger.(7) Engelbert II. war zugleich als Engelbert I. Erzbischof von Köln. Unter seiner Herrschaft wurde die Burg bis 1222 zu einem mächtigen Bollwerk ausgebaut. Leider wurdeLeider wurde die baugeschichtlich überregional bedeutende mittelalterliche Burg kaum archäologisch erforscht. Beim Umbau in eine attraktive Wohnanlage in den 1980er Jahren ging die archäologische Substanz weitgehend verloren, da die Bauarbeiten kaum wissenschaftlich begleitet wurden. Lediglich im Außenbereich des Grabens in der Nähe der Zugangsbrücke fanden einige kleinere Grabungsschnitte statt, die u.a. Überreste von Keramikgeschirr und Baumaterialien zu Tage förderten. Der spektakulärste Fund war die Gravur eines Ritters zu Pferde auf einer Schieferplatte.(8)

Quellen:
(1) Thomas van Lohuizen auf Facebook am 28.12.2025.
(2) Vgl. Wolfgang Heuschen. SabineThomsen und Jona Schröder: Federmesser aus Angermund - neue Erkenntnisse zu einem späteiszeitlichen Oberflächenfundplatz. In: Archäologie im Rheinland, 2023.
(3) Vgl. Julia Hallmann: Archologische Funde in Angermund. In: Rheinische Post, Ausgabe vom 26.04.2024.
(4) Thomas van Lohuizen: Ein ungewöhnlicher eisenzeitlicher Glasfund. In: Jahrbuch des Angermunder Kulturkreises, Band 15, Jahrgang 1994.
(5) Gebrüder Grimm: Deutsches Wörterbuch, Band 6, Spalte 2683.  
(6) Dr.-Ing. Rudolf Hoffmann: Angermund und Lintorf - die Autochtonie zweier Ortschaften des Angerlandes. In: Die Quecke, Ratinger und Angerländer Heimatblätter Nr. 47, Jahrgang 1977.
(7) Theodor Joseph Lacomblet: Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins. Band 1: (von dem Jahr 779 bis 1200 einschließlich), Nr. 521, Düsseldorf 1840.
(8) Thomas van Lohuizen: Archäologie in und um Angermund. In: Jahrbuch des Angermunder Kulturkreises, Band 25, Jahrgang 2004.

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