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Das Wildgestüt der Herzöge von Berg

Das Wildgestüt

In den Wäldern um Angermund  finden sich hier und da Überreste von Wällen und Gräben,  auf denen jetzt zum Teil starke Bäume stehen. Diese Erhöhungen und Vertiefungen ziehen sich meist an den Waldgrenzen  zu Wiesen  und Feldern hin; auch entlang mancher Waldwege kann man sie noch erkennen. Das sind Spuren vom so genannten Waldfried, einer Umwallung aus Graben und Wall mit aufstehendem Gebüsch,  Er umfasst  das Wildgestüt der Herzöge von Berg, das urkundlich erstmals 1440 erwähnt wird, als Herzog Gerhard von Berg am 11. März  Johann von Heidelberg zum Wildförster im Amte Angermund ernennt. Die Mehrzahl der Wildpferde gehört den  Landesherren. Doch auch benachbarte Adelssitze wie Heltorf, Winkelhausen, Bockum,  Angerort, Haus zum Haus, Hugenpoet und Haus Oefte haben Anrecht auf acht alte und vier junge Pferde. Die Wildförster, denen Wildfänger und Sattelknechte unterstehen, führen die  Aufsicht über das Wildgestüt. Seit dem 17. Jahrhundert sind das die Grafen von Spee auf Schloss Heltorf.

Die Wildbahn erstreckt sich im Norden vom Buchholz, Anger- und Wanheimer Feld, Wanheimerort, Duisburger Mark auf die Speldorfer Mark zur Saarner Mark, nach Mintard, zur Laupendahler Mark über Hösel zur Ratinger Mark, auf den Forstbusch, zur Ueberanger Mark, dann auf die Lintorfer Grinds, Heltorfer und Huckinger Mark. Ein gewaltiger Waldbezirk, in dem sich jahrhundertelang   Wildpferden frei und ungehindert bewegen. Das Gestüt, das im Laufe der Jahrhunderte durch Ansiedlungen erheblich an Gebiet einbüßt, umfasst  noch 1736 zwölf Gemarkungen mit einem Umkreis von etwa fünfzehn deutschen Meilen.  In der Wildbahn bewegen sich mehrere hundert Pferde in Freiheit. 1742 gibt es elf Beschäler edler Rassen: drei Türken, drei Spanier, drei Engländer, ein Preuße und ein Rodenfelder, davon vier Schimmel. Neue Zuchthengste werden  mit großer Sorgfalt von den Wildförstern ausgewählt. 

Gejagt werden die Wildpferde sowohl in in Einzel- als auch in Generaljagden. Bei der Einzeljagd besteigt der Wildfänger einen passenden Baum in der Gegend, in der der Pferdetrupp zu wechseln pflegt. Er hält den Reifen, einen Fangstrick mit Schlinge, an dessen unterem Ende ein schwerer Holzklotz befestigt ist. Seine Jagdgehilfen umgehen in weitem Bogen den Trupp, nähern sich allmählich und treiben so unauffällig die Tiere dem Sitz des Wildfängers zu. Kommt ein Pferd aus der dem Trupp unter dem Baum daher, so wirft der Fänger ihm mit geschicktem Wurf den Strick um den Hals. Die Schlinge zieht sich zu, der schwere Klotz verhindert die Flucht des Pferdes, das dabei meist zu Boden stürzt. Die Begleiter fesseln das Tier und bringen es dann zunächst in die großen Ställe der Kellnerei, um es an Menschen zu gewöhnen.

Die Generaljagden finden nur in größeren Zeitabständen statt,  um sämtliche Pferde abzufangen und einer genauen Prüfung zu unterwerfen. Eine solche Generaljagd ist ein Ereignis, das wochenlang die ganze Gegend zwischen Düsseldorf und Duisburg in Aufregung versetzt. Nach Festlegung des Jagdplans werden durch Kanzelankündigungen in den Kirchen die Termine bekannt gemacht. Jede Honschaft hat eine bestimmte Zahl Treiber zu stellen, die Honnen der einzelnen Orte zitieren die Treiber zu den Versammlungsplätzen.

Den Verlauf einer solchen Generaljagd muss man sich etwa so vorstellen: Die Untertanen der Grafschaft Broich und die vom Amt Landsberg und von Mintard müssen im Norden das Treiben beginnen und durch die nördlichen Gemarken gen Wedau hin treiben. Die aus der Bürgerschaft Ratingen und vom Gericht Homberg stehen im Osten auf der Laupendahler Mark und treiben nach Westen hin. Die Bewohner der Rheinorte des Gerichts Kreuzberg, beginnen ihr Treiben im Nordwesten. Die Treiberketten und Flügel werden so verteilt, dass die Tiere aus dem gebirgigen Teile der Waldungen zur Rheinebene getrieben werden. In der Huckinger oder Heltorfer Mark wird  ein sogenanntes Siel, ein eingefriedeter Raum, geschaffen, in das man die Pferde treibt. Zur Verlängerung des Siels werden an beiden Flügeln Jagdtücher angebracht. Das Siel, aus starken Eichenpfählen errichtet, hat eine ovale Form, der Zugang verbreitert sich nach außen. Die Einwohner von Huckingen und Großenbaum müssen das Siel nebst den Flügeln machen, Tag und Nacht am Siel verweilen und die Pferde hinein treiben. Das Holz zum Siel schlagen die "Schüppendiener" von Kalkum, Zeppenheim, Wittlaer, Bockum und Mündelheim. Die Treiben finden mit großem Geschrei, Rasselgeräusch und Trommelschlag statt. Die Treiber werden manchmal von den aufgescheuchten Wildpferden überrannt. Quetschungen und Bein- und Armbrüche sind die Folge doch auch beim Abstricken, wenn die Pferde endlich ins Siel getrieben sind, gibt es manche Beule und Schrammen. Alte und schwächliche Tiere entfernt man aus dem Gestüt, die anderen werden registriert nach Alter, Farbe und Geschlecht und dann wieder in die Waldungen getrieben.

Für die Treiber ist die Jagd sehr beschwerlich. Durch Sumpfgebiet, Dickicht, über Gräben geht es, wahrlich kein Vergnügen für den Fröner, der oft fünf bis sechs Tage ausharren muss, dazu noch in Regenwetter und Schneegestöber. Jeder Treiber muss sich selbst mit ausreichend Proviant versehen und Tag und Nacht im Walde bei seiner Treiberkette bleiben. Marketender und Wirte begleiten den Jagdzug und verkaufen Bier und Branntwein, sie lagern nachts mit den Treibern im Walde. Da sich viele Treiber einen Rausch antrinken, wird in der Folge das Ausschenken geistiger Getränke verboten.

Die Herzöge von Berg und andere hohe Persönlichkeiten wohnen selbst oft den Jagden bei, sie logieren in der Kellnerei und auf Schloß Heltorf. Selbst der Kaiser Napoleon wird im Jahre 1811 zu einer solchen Jagd erwartet. In nächster Nähe von Angermund errichtet man im Walde zwei prächtige Zelte. Das für den Kaiser bestimmte Zelt ist sogar mit Madrasseide ausgeschlagen. 700 Treiber müssen sich bereithalten, um auf den bestimmten Plätzen zu erscheinen. Dem edlen Hengst Herseck, den der Kaiser reiten soll, legt man goldenes Geschirr an. Doch alles ist vergebens. Der Kaiser weilt nur kurze Zeit in Düsseldorf und kommt nicht zur Jagd.

Im November und Dezember des Jahres 1814 finden die letzten Jagden statt. 2.600 Treiber treiben am 9. Dezember die letzten Wildpferde zusammen. 250 Stück werden gefangen und am 12. Februar 1815 meistbietend verkauft, sie erzielen einen Gesamterlös von 64.832 Franken. Das edelste Pferd wird mit 1.100 Franken, das schlechteste mit drei Franken bezahlt. Damit geht die vielhundertjährige Geschichte des Gestütes zu Ende; nicht zuletzt weil in der Wildbahn eine regelrechte Forstnutzung nicht möglich ist.

Quellen:

Monatsschrift des Bergischen Geschichtsvereins, 12. Jg. Nr. 1/1905, S. 14 f
Bergische Wochenpost vom 17. August 1957
Düsseldorfer Stadtanzeiger, um 1927-1936

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